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Creating History

If one follows the purely definitional fact that Christiane Reiter puts lines, strokes and marks down on a sheet of paper, then one could describe what she does as drawing in the widest sense.

However, in actual fact, Christiane Reiter is concerned with action in the strictest meaning of the word, with the act of designating, with activity per se and with the concentrated execution of the act of self-affirmation.
Layer for layer and line for line, she applies coloured strokes in various directions, condensing them into a ‘history’ in the original sense and in the sense of the German word Ge-Schichte, which literally means layering. In this way, Reiter does not draw; she creates history.

A history which ‘tells its own stories’. As a receptacle of action. As self-discovery. As self-expression. As ‘something’ only revealed by what overlies it, which ‘creates itself’ in a ritualized act.

The pre-requisite and basis for such ‘self-creation’ is a previously imposed and regulatory framework for action, comprising rules and tasks (algorithms), which liberates the artist from undesired questions of aesthetic and iconographic design. Her whole concentration is directed towards the action and therefore towards the work, which consequently ‘displays’ this condensed action.

In her research, which is artistic, methodical, and virtually unclouded by any presuppositional knowledge, Christiane Reiter encircles a secret, and in doing so extrapolates those hidden aspects of realisation which in the end (must) remain a secret.

Her works become. In the end, they are. Just as the artist becomes, is and comes true in her acts, in her action and in what she creates, in what creates itself (her).

To that extent, her artistically condensed works are not simply the self-expression of the artist, but also a methodical reflection of that very universal human yearning to become and to know what is whole, true and real.

  • Daniel Zaman, 2020


Geschichte schaffen


Folgt man der bloß definitorischen Tatsache, dass Christiane Reiter Striche, Linien, Spuren auf ein Blatt Papier setzt, könnte man ihr Tun im weitersten Sinne als Zeichnung beschreiben.

Tatsächlich und im engsten Sinne geht es Christiane Reiter aber um dieses Tun, um das Be-zeichnen, um die Handlung für sich und das konzentrierte Ausführen als einen Akt der Selbstvergewisserung.
Schicht für Schicht und Strich für Strich verdichtet sie die in verschiedenen Richtungen aufgetragenen Farbstriche zu einem im ursprünglichen und wortwörtlichen Sinne Ge-Schichte.
Reiter zeichnet also nicht; sie schafft Ge-Schichte.

Ge-Schichte, die sich selbst erzählen. Als Handlungsspeicher. Als Selbstfindung. Als Selbstausdruck.
Als Etwas, das erst durch die Überlagerungen freigelegt wird und sich in einem ritualisierten Tun selbst schafft.

Voraussetzung und Grundlage für ein solches Sich-selbst-Schaffen ist ein sich vorweg auferlegter und reglementierender Handlungsrahmen aus Regeln und Vorgaben (Algorithmen), die die Künstlerin von ungewollten ästhetischen und ikonografischen Gestaltungsfragen befreit. Alle Konzentration gilt der Handlung und somit des Werks, das sich als Konsequenz dieser verdichteten Handlung zeigt.

In ihrem gleichsam künstlerischen und methodischen von keinem Vorverständnis getrübten Forschen, zirkuliert Christiane Reiter um ein Geheimnis und erschließt sich dabei jene verborgenen Erkenntnisaspekte, die schlussendlich dennoch ein Geheimnis bleiben (müssen).

Ihre Werke werden. Sind schließlich. Wie auch die Künstlerin wird, ist und wahr wird in ihrem Tun, in ihrem Handeln und in ihrem Schaffen, das sich (ihr) selber schafft.

Insofern sind ihre künstlerisch verdichteten Arbeiten nicht bloß Selbstausdrücke der Künstlerin, sondern auch eine methodische Reflexion hinsichtlich jener ganz allgemein menschlichen Sehnsucht nach einem Ganz-, Wahr- und Wirklich-Werden und Erkennen.

  • Daniel Zaman, 2020


The archeology of the colored pencils

The works of Christiane Reiter are witnesses. Clues. Evidence of actions, or more precisely, of putting into practice self-imposed rules and algorithms, which nevertheless do not serve any strictly utilitarian purpose, or mark the simply inevitably necessary steps in a results-oriented production process, but rather create the framework for a search, which – in the very act of searching, through constant describing and circumscribing – discovers itself.

Not something. Or someone. Neither justification nor definition, nor oneself in the sense of self-declaration.

This methodically circular approach within structured, consistently meditative and regulatory guidelines and pathways presents itself rather as a highly intimate act of self-expression. As self-assurance which experiences itself in action, not in definition, by living life without external conditions, stereotypes or expectations, and thereby – following virtually abandoned intrinsic drives – creating from within itself the contours of an identity, and the fragmentary self-expressions of this identity, and storing them as significance; multilayered and full of blurring.

A necessary blurring, which results, for instance, not from inconsistency, but rather from the knowledge and experience that every definition qua its function always also entails constraint; a drawing of borders, and prerequisites which single out that which does not move within the corresponding premises of what is admissible, and always only reveals piecemeal excerpts from its respective perspective. Thus the whole, if it seeks to be complete and authentic, has to preserve its multi-layered quality and remain in a state of suspension, its form merely indicated, allowing it to retain that narrative ambiguity which accommodates poetry more easily than stipulation.

In this respect, the artistically compact and contemplatively oscillating works are not simply the self-expression of the artist, but rather eventually address and represent a quite universal human desire for unmistakeable identity, which is always and of necessity more than the sum of its individual parts.

  • Daniel Zaman, 2018

For the solo exhibition THIS IS SO ME (W O R K) at the Galerie Lindner Vienna, 2018.



Die Archäologie der Buntstifte


Die Arbeiten von Christiane Reiter sind Zeugen. Spuren. Nachweise eines Tuns, genauer, eines Ausführens von selbstauferlegten Regeln und Algorithmen, die dennoch keinem streng utilitaristischen Zweck folgen oder die bloß zwangsläufig notwendige Schritte eines ergebnisorientierten Produktionsprozesses markieren würden, sondern den Rahmen eines Suchens schaffen, das sich – kontinuierlich beschreibend und umschreibend – im Suchen selber findet.

Nicht Etwas. Oder Jemanden. Weder Rechtfertigung noch Definition oder sich selbst im Sinne einer Selbsterklärung.

Die methodisch zirkuläre Annäherung innerhalb strukturierter, konsequent meditativer und ordnender Vorgaben und Bahnen repräsentiert sich vielmehr als ein höchst intimer Selbstausdruck. Als eine Selbstgewissheit, die sich im Tun – nicht in der Definition – erfährt, indem sie sich ohne äußere Bedingungen, Stereotype oder Erwartungen auslebt und dabei – quasi selbstvergessen intrinsischen Trieben folgend –, die Konturen einer Identität und die bruchstückhaften Selbst-Ausdrücke dieser Identität aus sich heraus schafft und als Bedeutung speichert; vielschichtig und voller Unschärfen.

Notwendiger Unschärfen, die nicht etwa aus Inkonsequenz resultieren, sondern aus dem Wissen und der Erfahrung, dass jede Definition qua ihrer Funktion immer auch Einschränkung bedeutet; eine Grenzziehung und Vorbedingung, die aussondert, was sich nicht innerhalb der entsprechenden Prämissen und Zulässigkeiten bewegt und immer nur den Ausschnitt, das Stückwerk ihres jeweiligen Blickwinkels preisgibt. So muss das Ganze, will es ganz und wahrhaftig sein, seine Vielschichtigkeit bewahren und in der Schwebe bleiben, die seine Form bloß andeutet und in jener narrativen Mehrdeutigkeit belässt, die vielmehr der Poesie denn der Festlegung Rechnung trägt.

Insofern sind die künstlerisch verdichteten und kontemplativ oszillierenden Arbeiten nicht bloß Selbstausdrücke der Künstlerin, sondern thematisieren und repräsentieren schließlich eine ganz allgemeine menschliche Sehnsucht nach einer unverwechselbaren Identität, die immer und zwangsläufig mehr ist, als die Summe ihrer Einzelteile.

  • Daniel Zaman, 2018


Zur Einzelausstellung THIS IS SO ME (W O R K) in der Galerie Lindner Wien, 2018.