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Die Archäologie der Buntstifte  

Die Arbeiten von Christiane Reiter sind Zeugen. Arbeitszeugen. Spuren. Nachweise eines Tuns, genauer, eines Ausführens von selbstauferlegten Regeln und Algorithmen, die dennoch keinem streng utilitaristischen Zweck folgen oder die bloß zwangsläufig notwendige Schritte eines ergebnisorientierten Produktionsprozesses markieren würden, sondern den Rahmen eines Suchens schaffen, das sich – kontinuierlich beschreibend und umschreibend – im Suchen selber findet.

Nicht Etwas. Oder Jemanden. Weder Rechtfertigung noch Definition oder sich selbst im Sinne einer Selbsterklärung.

Die methodisch zirkuläre Annäherung innerhalb strukturierter, konsequent meditativer und ordnender Vorgaben und Bahnen repräsentiert sich vielmehr als ein höchst intimer Selbstausdruck. Als eine Selbstgewissheit, die sich im Tun - nicht in der Definition - erfährt, indem sie sich ohne äußere Bedingungen, Stereotype oder Erwartungen auslebt und dabei - quasi selbstvergessen intrinsischen Trieben folgend -, die Konturen einer Identität und die bruchstückhafte Selbst-Ausdrücke dieser Identität aus sich heraus schafft und als Bedeutung speichert; vielschichtig und voller Unschärfen.

Notwendiger Unschärfen, die nicht etwa aus Inkonsequenz resultieren, sondern aus dem Wissen und der Erfahrung, dass jede Definition qua ihrer Funktion immer auch Einschränkung bedeutet. Eine Grenzziehung und eine Vorbedingung, die aussondert, was sich nicht innerhalb der entsprechenden Prämissen und Zulässigkeiten bewegt und immer nur den Ausschnitt, das Stückwerk ihres jeweiligen Blickwinkels preisgibt. So muss das Ganze, will es ganz und wahrhaftig sein, seine Vielschichtigkeit bewahren und in der Schwebe bleiben. Und seine Gestalt(ung) ein Ereignishorizont, eine veränderliche Kontur, die ihre Form andeutet und in einer narrativen Mehrdeutigkeit belässt, die vielmehr der Poesie denn der Festlegung Rechnung trägt.

Insofern sind die künstlerisch verdichteten und kontemplativ oszillierenden Arbeiten nicht bloß Selbstausdrücke der Künstlerin, sondern thematisieren und repräsentieren schließlich eine ganz allgemeine menschliche Sehnsucht nach einer unverwechselbaren Identität, die immer und zwangsläufig mehr ist, als die Summer ihrer Einzelteile.

In diesem Zusammenhang liegt ihrer Methodik des Abarbeitens von selbstauferlegten Regeln und Algorithmen immer auch die immanente Kritik an einem fetischisierten Arbeitsbegriff, einem Selbstoptimierungsdikat und seiner daran geknüpften Verheißung zugrunde, Arbeit müsse erfüllend sein und würde dann in Folge die ersehnte Identität stiften.

Dem stellt Christiane Reiter den Satz und Titel einer ihrer Arbeiten entgegen, der als konterkarierendes Mantra über ihrem gesamten Schaffen steht: Ich will nichts wollen müssen. Ergo bin ich, möchte man in ihrem Sinne darauf antworten.

Daniel Zaman 2018 

 

Das verbindende Element im Schaffen von Christiane Reiter lässt sich wohl am ehesten als etwas Algorithmisches beschreiben. Genauer: als eine selbstauferlegte Regelhaftigkeit, aus der zwar alle ihre Arbeiten resultieren, die aber keinesfalls starr eingehalten werden will. Vielmehr bildet sie eine Matrix, die sich im Befolgen aus sich selbst weiter entwickelt und immer neu definiert, sodass es ist nicht mehr festzumachen scheint, ob es die Künstlerin ist, die die Regeln bricht und ständig erweitert oder nicht doch eher die Regel in ihrer ständigen Weiterentwicklung, die Künstlerin zur kontinuierlichen Durchführung und zu einem fortlaufenden Schaffensprozess anhält.

So formt sich aus diesem „harmonischen Widerstreit“ aus Gesetzmäßigkeit und Freiheit eine schöpferische und oszillierende Dynamik, die ihre Gegenpole, als auch deren Koexistenz, als eine formale wie ebenso existenzielle Auseinandersetzung etabliert und unmittelbar erlebbar macht.

Den inneren wie äußeren Disput von Fremd- und Selbstbestimmung, von plakativen Freiheitsäußerungen und echter, innerer Freiheit, von ideologischen, wie gesellschaftlichen Zwängen und Selbstbestimmung, sowie insbesondere immer auch von reproduzierten, künstlerischen Stereotypen und eigenständig-künstlerischer, formaler wie inhaltlich-substanzieller Positionen.

Aber egal wie die Gegenpositionen auch lauten mögen: in ihrer Dynamik und dem Dilemma aus (Selbst-)Ermöglichung und (Selbst-)Verhinderung sind sie die leidige Lebensrealität jedes Menschen.

Bei Christiane Reiter werden sie hingegen zu einer künstlerischen Freiheit und zu einem schöpferischen Schaffensprozess, dessen Werke sich als  exemplarische, individuelle und höchst sensible Überwindungen eines künstlerischen wie existentiellen Problems präsentieren.

Daniel Zaman 2016

 

Artikel zur Ausstellung "der schwierige raum" 2015

Artikel zur Ausstellung "unortnung IV" 2008

Artikel zum Österr. Grafikwettbewerb 2007